Projekt Beschreibung

Freisein in der Luft

Hanna Hübner-Kunath (1909–1995), Bremens erste Fliegerin, VDP-Mitglied Nr. 17 | Text von Andrea Hauser

Hanna Kunath in voller Montur mit Fliegermütze und Fliegerbrille in der Hirth-Klemm L 25 auf dem Bremer Flughafen 1936

Hanna als Kind mit ihrem Vater

Die Pressefotografin, 1960er Jahre

Porträt von Hanna Kunath, 1960er Jahre

Die älteste aktive Sportfliegerin Deutschlands 1992 im Cockpit ihres Flugzeugs „Orion“

Noch mit 82 Jahren reiste Hanna Hübner-Kunath in ihrem geliebten Wohnmobil zu Fliegertreffen in ganz Europa. Sie galt lange Zeit als älteste aktive Sportfliegerin Deutschlands. „Ich bin nur aus Freude an der Sache geflogen – ohne jeden Ehrgeiz. Nur dieses ‚Nach oben‘ bedeutet mir so viel. Dieses Freisein in der Luft, das ist es“, beschreibt sie 1992 ihre Motivation zum Fliegen.

Tatsächlich war es diese Freiheit, die sie gegen alle Widerstände antrieb, das Fliegen zu lernen. 1934 wurde die 25-jährige so zu Bremens erster Pilotin in der Motorfliegerei und eine von 25 Frauen, die damals begannen, die männliche Domäne der Fliegerei zu erobern. Dabei sah sie sich nie in Konkurrenz zu ihren männlichen Flug-Genossen. Sie zielte nicht auf spektakuläre Erfolge, vielmehr konzentrierte sie sich auf die Breitenarbeit und das eigene Hobby. Also eine typische Frauenkarriere? „Ich bin überzeugt, wer tüchtig ist und wer was kann, der wird sich immer durchsetzen, ganz egal wie. Nur: Frauen müssen immer mehr leisten als Männer!“, lautete darauf Hübner-Kunaths Antwort.

Hanna Kunath wurde am 11. Juni 1909 als viertes Kind von Arno Kunath und dessen Frau Frieda Johanne, geb. Schindler in einen sportlichen Haushalt hineingeboren. Der Vater, seit 1890 Turnlehrer des Allgemeinen Bremer Turnvereins, begründete in Bremen 1892 das Frauen- und Mädchenturnen und verfasste entsprechende Lehrbücher. Seine Frau war schon mit vier Jahren eine begeisterte Schwimmerin. Bereits mit 15 Jahren, 1924, beschloss Hanna Kunath anlässlich eines Flugtages auf dem 1920 eröffneten Bremer Flughafen das Fliegen zu lernen. Sie wollte ihrem Bruder und ihrem Vater, die beide flogen, nacheifern und begann, dafür neben der Schule Geld zu verdienen. Zwei Jahre später schloss sie das Lyzeum ab und schlug eine kaufmännische Ausbildung ein. Zunächst arbeitete sie für ihren Vater, dann ab 1929 in einem Versicherungsbüro, später in einer Spedition.

Bremens erste Fliegerin

Neben ihrer beruflichen Tätigkeit verfolgte Hanna Kunath zielstrebig ihren Wunsch, das Fliegen zu lernen. So wurde sie 1932, mit 23 Jahren, erstes weibliches Mitglied im „Bremer Verein für Luftfahrt“ und erhielt Unterricht im Fliegen von Prof. Kurt Waldemar Tank (1898-1983), der 1931 bei der Focke-Wulf Flugzeugbau GmbH in Bremen als Technischer Leiter des Entwurfsbüros und der Flugerprobung arbeitete, und von Cornelius Edzard, dem Direktor und Chefpiloten der Norddeutschen Luftverkehrsgesellschaft in Bremen. Nach 100 Schulflügen unternahm sie am 13. August 1933 ihren ersten Alleinflug. Daneben lernte sie die Maschinen zu warten und zu pflegen. Nach Ausführung der vorgeschriebenen Ziellandungen, eines Geschicklichkeitsfluges, von Überland- und Höhenflügen auf einer Klemm L25 oder 26 war es dann am 30. August 1934 soweit: Hanna Kunath hielt ihren Flugzeugführerschein (A 2 Land) für Motorflugzeuge in Händen und war damit Bremens erste Fliegerin.

Zu dieser Zeit arbeitete Hanna Kunath als Sekretärin auf der „Bremer Kampfbahn“, dem Vorläufer des Bremer Weser-Stadions. Nicht nur dort, wo die NSDAP das Stadion für Aufmärsche nutzte, auch in der Fliegerei hatte der Nationalsozialismus zu entscheidenden Veränderungen geführt. Das Nationalsozialistische Fliegerkorps (NSFK) hatte die Führung übernommen und schulte Fliegen in paramilitärischer Absicht. Daran wollte Hannah Kunath sich nicht beteiligen. Sie verlegte sich auf den Segelflug und erhielt 1938 ihren Segelflugschein. 1939 nahm sie an einer Segelflug-Rallye, dem „Küstenflug 1939“, mit Ziel Wyk und Föhr teil und belegte den 3. Platz.

Mit Kriegsausbruch wurde das Sportfliegen dann nahezu unmöglich. Hanna Kunath leitete nun in Bremen eine Frauensegelgruppe und bildete bis 1943 ehrenamtlich Mädchen und Frauen in der Segelfliegerei aus.

Nach Kriegsende – erste deutsche Frau mit Silber-C

Nach Kriegsende war die Fliegerei bis 1951 verboten. Hanna Kunath setzte ihr Organisationstalent für ihre Wiedereinführung und ihren Wiederaufbau in Bremen ein. Sie besorgte Spenden für Flugzeuge und Flugplatzeinrichtungen, sie kümmerte sich um Flugzeugzulassungen und Wettbewerbe, sie schrieb für die Tagespresse und fotografierte. Ihren ersten Flug unternahm sie mit der Segelfliegertruppe der britischen Armee und erneuerte 1951 ihre Lizenz für Segelflug. Vier Jahre später hielt sie als erste Frau in Deutschland nach dem Krieg Silber-C in Händen, das Leistungsabzeichen des Segelfluges, und erneuerte 1956 auch ihren Motorflugschein.

Als sich 1968 die Vereinigung Deutscher Pilotinnen e. V. (VDP) für deutsche Berufs- und Privatpilotinnen gründete, war es für Hanna Kunath keine Frage, sofort Mitglied zu werden. Denn gegenseitige Unterstützung, Vernetzung und Traditionspflege waren auch ihre Ziele beim Fliegen.

Zwei Monate nach der Gründung wurde sie mit ihrem eigenen Flugzeug vom Typ Emeraude als 17. Mitglied aufgenommen. Zehn Jahre war sie in der VDP als Referentin für Presse und Werbung tätig. Darüber hinaus betreute sie verantwortlich die Regionen Bremen, Niedersachsen und Hamburg. In dieser Funktion holte sie 1979 die Jahreshauptversammlung der VDP nach Bremen. Insgesamt 54 Fliegerinnen, fast ein Drittel der Mitglieder, folgten der Einladung und flogen mit eigenen oder Vereinsmaschinen den Bremer Flughafen an.

Hanna Hübner-Kunath, so hieß sie seit ihrer Heirat 1970 mit dem Hamburger Kaufmann und Vereinsmitglied Werner Hübner, feierte im selben Jahr ihren 70. Geburtstag. Sie war nun neben Elly Beinhorn die älteste aktive Fliegerin Deutschlands, und blieb bis zu ihrem Tode im Jahre 1994 aktiv in der Luft.

Luftfahrerschein für Flugzeugführer Nr. 268, Hanna Kunath, 1937

Hanna Kunath als Teilnehmerin an der Rallye „Küstenflug 1939“ in einer Siebel-„Hummel“ (X2).

Hanna Kunath auf dem Bremer Flughafen 1939

Hanna Kunath in einem Artikel der Frauen­zeitschrift „Constanze“,
„So werden Sie Segelfliegerin“, 23. Nov. 1955