„Ein bisschen Melli Beese steckt in jeder von uns Pilotinnen!“ (Waltraut Moog )

Amelie Hedwig Beese, Rufname Melli, wuchs in einer bürgerlichen, wohlhabenden Familie in Laubegast bei Dresden auf, die ihr als junge Frau eine für die damalige Zeit chancenreiche Zukunft bieten konnte. Nach erfolgreichem Schulbesuch studierte sie von 1906-1909 Bildhauerei an der Königlichen Akademie der Freien Künste in Stockholm. Sie wurde in dieser Zeit zur begeisterten Hochsee-Seglerin. Neben ihrem künstlerischen Talent hatte sie Interesse an Technik und Konstruktion. Daher studierte sie als Externe am Politechnikum Dresden Schiffbau, Mathematik und Flugmechanik. Sie las und sammelte alles über die Aviatik der Gebrüder Wright. 

Der Weg zum  Bau eines eigenen Flugzeugs war geebnet, wobei sie sich auf ihre eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten verlassen konnte. 

Die noch junge Fliegerei der damaligen Zeit faszinierte Melli so sehr, dass sie den Luftfahrerschein erwerben wollte. Eine Flugschule und darin einen Fluglehrer zu finden, stellte sich als großes Problem dar. Keiner wollte sie, eine junge Frau, ausbilden. Die Lehrer fürchteten, von ihren ausschliesslich männlichen Schülern ausgelacht zu werden. Als es der willensstarken und durchsetzungsfähigen Melli trotzdem gelang, einen Lehrer zu überzeugen, ihr die Flugkunst beizubringen, wurde sie von ihren Mitschülern gemobbt. Ihre Ausbildung wurde sabotiert, ihre Flugzeuge beschädigt. Was damals als Neckerei dargestellt wurde, würde man heute als kriminell bezeichnen: Verrußte Zündkerzen wurden eingebaut, der Tank abgelassen und die Spanndrähte der Tragfläche gelöst. Ihre zweite Flugstunde mit ihrem Lehrer Robert Thelen endete mit einem Absturz aus 20 m Höhe, bei dem sie sich einen Knöchel brach. Sie bekam gegen ihre Schmerzen Morphin, was eine lebenslange Abhängigkeit auslöste. Sie musste sich in Hellmuth Hirth einen neuen Lehrer suchen.

Nach mehreren Anläufen gelang es Melli schließlich durch eine List, einen Prüfungstermin zu bekommen. Sie machte in aller Frühe auf der Rumpler Taube ihren Luftfahrerschein, noch ehe ihre neidischen und hinterhältigen Mitschüler auf dem Platz erschienen. 

Damit war sie die erste Frau in Deutschland, die ihre Flugzeugführerlizenz in den Händen hielt. 

Es war ihr 25. Geburtstag, der 13.9.1911, die Lizenz Nr.115.

Nach den schlechten Erfahrungen während ihrer  Ausbildung gründete sie eine eigene Flugschule. Sie legte dabei Wert auf einen geordneten Betrieb und eine fundierte theoretische und praktische Ausbildung. Zur Seite stand ihr ein junger Franzose, der ihr als Techniker gute Dienste leisten konnte, Charles Boutard. Er sollte bald ihr Ehemann werden, ihr Glück und ihr Schicksal. Es gelang beiden, ein eigenes Flugzeug zu bauen, mit dem Melli ihre Schule betrieb und viele Schüler zu Piloten ausbildete. Sie heiratete Charles Boutard am 25.1.1913 und nahm die französische Staatsbürgerschaft an.

Beide arbeiteten an der Entwicklung eines Flugbootes und hatten einen Prototyp fertig und Patente dafür angemeldet, als der Erste Weltkrieg am 1.8.1914 ausbrach. Das junge Ehepaar wurde als feindliche Ausländer verhaftet, Melli die Lehr- und Geschäftserlaubnis entzogen, ihre Flugschule und die Fabrik geschlossen, die Flugzeuge requiriert  und das Flugboot zerstört.

Charles wurde in Hildesheim interniert, Melli unter Hausarrest gestellt. Einige Zeit später wurden beide interniert, in Wittstock/Dosse, NW Brandenburg. Sie erkrankten an Tuberkulose. Melli nahm wieder Morphium. Die Ehe wurde durch die miserablen Lebensumstände sehr belastet, was später zur Trennung führte.

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten sie nach Johannisthal zurück, finanziell ruiniert. Zwar erhielt Melli eine Entschädigung für den Verlust ihrer Fabrik und der Flugzeuge, doch die verlor sie bald durch eine Fehlinvestition.

Die Fokkerwerke wollten Melli zwei ausgediente Kriegsmaschinen geben, doch das Vorhaben misslang aus finanziellen Gründen.

Trotzdem planten sie und Charles einen Flug um die Welt, wofür Melli eine gültige Lizenz benötigte. Sie machte einen Probeflug in Berlin-Staaken, bei dem sie abstürzte. Sie blieb unverletzt, doch ihr Lebenstraum scheiterte.

Sie beendete am 21.12.1925 durch Freitod ihr Leben. Man fand einen Zettel, auf den sie geschrieben hatte: „Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“